|
Gast
Beiträge im Hundeforum: n/a
|
Mister Tom
Eigentlich wollte ich dies posthum schreiben, aber es bietet sich gerade an, heute Mr. Toms Geschichte zu schreiben.
Ende 1989/Anfang 1990 war ich einige Monate lang auf der Suche nach einem roten Kater. Keine Ahnung, warum ich auf Geschlecht und Farbe so fixiert war, denn im Normalfall "adoptiere" ich die Tiere, die von alleine zu mir finden.
Ich sprach mit einigen Leuten beiläufig darüber und so rief mich eines Tages mein Neffe an und erzählte mir von einer Arbeitskollegin deren Eltern einen kleinen roten Kater abzugeben hatten. Sie bewirtschafteten einen Bauernhof in einem der Nachbardörfer und ich war darauf vorbereitet, ein halb wildes und menschenscheues Scheunenkätzchen angeboten zu bekommen. Daher beugte ich vor und sagte, ich käme mit meiner Tochter, denn wir möchten eine Katze haben, die Kinder mag und wir würden den Kater auch nur mitnehmen, wenn er keine Angst vor uns hätte.
Als wir ankamen, öffnete die Tochter und sagte: "Also, ich weiß garnicht, wo er ist! Gerade war er noch da, aber als es klingelte, verschwand er unter den Schrank und jetzt seh ich ihn da garnicht!"... Ich dachte "Oje. Ich hab's befürchtet!"
Aber meine damals 9 Jahre alte Tochter Carmen ging auf die Knie, um unter den Schrank zu gucken und heraus kam plötzlich mit hoch erhobenem Schwänzchen und ganz freundlich der kleine rote Kater, ging zu ihr hin, ließ sich auf den Arm nehmen und war kein bisschen scheu!
Damit stand der Deal, der Kater kam mit zu uns, und seine bunte Schwester, die niemand haben wollte, kam als Zugabe gleich mit, nachdem die Bäuerin erzählt hatte, wenn sich keiner findet, der sie haben will, dann müsste ihr Mann sie eben tot machen.
Wir tauften den kleinen Kater also auf den Namen Mr. Tom und seine Schwester hieß Sarotti.
Die beiden wuchsen heran und während Sarotti ein zwar nettes und hübsches Kätzchen war, stahl ihr Bruder, der zu meiner Freude langhaarig wurde, immer und überall die Schau. Er war absolut verrückt nach Kindern und allen Menschen gegenüber sehr zutraulich.
Eines Tages folgte er unseren Kindern, die zusammen mit anderen Kindern aus dem Dorf in den Wald wollten. Als sie Stunden später ohne Tom zurück kamen, war ich sauer und schickte sie nochmal dort hin, wo sie ihn zuletzt gesehen hatten, denn ich hatte ihnen gesagt, sie müssten auf ihn achten, wenn er ihnen folgt. Sie trabten also noch mal los und kamen tatsächlich mit dem Katerchen zurück. Der hatte sie unterwegs aus den Augen verloren, war zu irgend jemandem durchs offene Fenster eingestiegen und hatte sich auf dem Sofa zu einem Nickerchen hingekuschelt.
Die Leute hörten später die Kinder rufen, zählten zwei und zwei zusammen und händigte ihnen das Katerchen wieder aus.
Ich war überzeugt, er würde nicht lange bei uns bleiben. Entweder indem er selbst irgend jemandem hinterher liefe oder indem ihn jemand "klauen" würde, weil er so auffallend hübsch war.
Mit zweieinhalb Jahren hatte er eines Sonntags einen Autounfall. Ausgerechnet, als wir alle nicht daheim waren!
Unseren Nachbarn ist es zu verdanken, dass er bei einem Tierarzt notversorgt wurde und als wir heim kamen, brachten sie uns Mr. Tom und erzählten, was passiert war.
Ich fuhr postwendend mit ihm zu unserer Tierärztin, die ihn ebenfalls untersuchte und einen Kieferbruch, sowie massive Prellungen im Bereich der Wirbelsäule feststellte.
Sie verhielt sich abwartend-unentschlossen, während ich eigentlich von ihr eine Auskunft darüber erwartete, ob er sich erholen wird, ob er Aussichten hat, ein "normales" Katzenleben zu führen oder ob es besser ist, ihn zu erlösen.
Sie sagte, der Kieferbruch könnte gerichtet und selbst der abgebrochene Reißzahn neu modelliert werden, aber ob die Nervenschädigung reparabel ist, würden die kommenden 4 Wochen zeigen.
Sie bot aber im gleichen Satz quasi an, ihn einzuschläfern, weil es eben keine Garantie auf vollständige Wiederherstellung gäbe, woraufhin ich energisch und entrüstet protestierte: "Nein!!!! Wenn es eine Chance für ihn gibt, dann soll er die auch haben!!!"
So landete Mr. Tom als Schwerstpflegepatient in einem warm ausgepolsterten Karton im Zimmer von Carmen, wo es am ruhigsten war (wir hatten ja immer schon Hunde und mit drei lebhaften Kindern war es unten im Wohnbereich einfach zu hektisch, zu zugig und zu laut).
Anfangs bekam er nur mehrmals am Tag mit einer Pipette jeweils 5-10 ml Wasser, damit die Nierenfunktion aufrecht erhalten blieb. Nach drei, vier Tagen bekam er Boviserin dazu, ein Rinderblutserum, das später, als die BSE-Fälle auftraten, vom Markt genommen wurde - und eine milchähnliche Nährlösung, deren Namen ich vergessen habe.
Da er ja nicht aufstehen konnte und weder Blasen- noch Darmschließmuskel unter Kontrolle hatte, wurde er mit Papierlagen von der Küchenrolle "gewickelt" und musste täglich neu gebettet werden.
Nach etwa 10 Tagen rührten wir einmal am Tag auch normales Katzenfutter mit Wasser breiig und spritzten es mit der Pipette Milliliterweise ins Maul.
Dadurch kam natürlich auch die Verdauung wieder regelmäßig in Gang und wir badeten Mr. Tom jeden 2. Tag (manchmal auch jeden Tag) mit dem Hinterteil in einem Eimer mit lauwarmer Shampoolauge und anschließend in klarem Wasser. Eine gute Woche später stand er dann auch auf wackeligen Beinen erstmals wieder auf, um die Katzentoilette zu benutzen und um selbst zu fressen. Allerdings sollte sich später zeigen, dass er für den Rest seines Lebens das rechte Hinterbein nachziehen würde.
Wir brachten ihn zur Tierärztin, die seinen Reißzahn künstlich neu modellierte und sie machte das so perfekt, dass wir danach jahrelang nicht hätten sagen können, welcher Zahn der künstliche ist. Erst im hohen Alter wussten wir es wieder, weil dieser Zahn der erste war, der eines Tages "fehlte".
Mr. Tom dankte uns diese Sonderbehandlung dadurch, dass er noch zutraulicher, noch charmanter und vertrauensvoller wurde.
Er wusste immer genau, wann wir aufstehen wollten und kam jeden Tag ein paar Minuten, bevor der Wecker klingelte, zu den betreffenden ins Bett und schnurrte ihnen dezent etwas vor.
Er war nie aufdringlich, anstrengend oder irgendwie nervig. Er markierte nicht, machte niemals Protestpipi, mochte jedes Futter, - er war einfach der perfekte Kater und wir alle liebten ihn.
Björn, unser 2. Sohn hing ganz besonders an ihm und das beruhte auf Gegenseitigkeit.
Björn verließ das Elternhaus als Erster, um mit seiner Silke, mit der er nun schon einge Jahre verheiratet ist, zusammenzuziehen. Und wann immer Björn zu Besuch kam, war Mr. Tom zur Stelle, um ihn freundlich zu begrüßen, ebenso wie er, der im Sommer gerne draußen in einer Blumenstaude oder unter einem Strauch lag, immer sofort zur Begrüßung kam, wenn er unser Auto hörte.
Als wir dann vor sechseinhalb Jahren hierher zogen, nahmen wir insgesamt 6 Katzen mit, von denen Mr. Tom der Älteste war.
Wir hielten sie alle etwa 4 Wochen lang in unserem sogenannten Partykeller "gefangen", damit sie die Umgebungsgeräusche im Kopf "abspeichern" können und entließen sie dann in die Freiheit, wo sie sich als erstes mit den vorhandenen Katzen in der Nachbarschaft zusammenraufen mussten.
Alle kamen mit Bisswunden oder völlig zerrupft an, aber nicht Mr. Tom.
Er ist irgendwie mir ähnlich, er zankt sich einfach nicht. Er geht seiner Wege, verhält sich souverän, lässt sich auf keinen Streit ein, wir sagten dann immer: Er ist halt unser Silberrücken. Er muss sich nicht streiten.Er hatte hier noch ein paar schöne Jahre und genoss die schönen warmen Sommertage auf seinem erwählten Ausguck im Garten, überließ aber das Mäusefangen dann doch den Jüngeren.
Mit der Zeit gewöhnte er sich an, schrecklich laut zu miauen, wenn er reinkam oder einen von uns sah und wir dachten zuerst: Er wird eben etwas wunderlich im Alter! Bis uns eines Tages der Groschen fiel und wir begriffen, dass er taub wurde.
Inzwischen hört er schon seit langem garnichts mehr und das ganze Dorf weiß Bescheid, dass er auch keine Autos mehr hört, dass man also, wenn er auf der Straße sitzt, nicht darauf rechnen kann, dass er weggeht, wenn ein Auto kommt.
Da trifft es sich ja sehr gut, dass ausser uns nur unser einziger Nachbar und der Briefträger mit dem Auto in unsere Straße fahren.
Vor einem Jahr ungefähr begann es, dass er sich auch nicht mehr so pflegte wie gewohnt. Sein Fell, das er früher ganz alleine pflegte, wurde struppig, strähnig, verfilzte. Und dort wo ich mit dem Kamm Filzknoten entfernte, wurde er kahl und das Fell wuchs nur ganz spärlich und allmählich wieder nach.
Eines Tages wollte er nicht fressen und die Tierärztin diagnostizierte eine Mandelentzündung, die mit einem Antibiotikum behandelt wurde. Im Gefolge dieser Behandlung stellte sie auch Herzrhythmusstörungen und nachlassende Nierenfunktion fest, die natürlich altersbedingt sind.
So hatte ich im vorigen Jahr eigentlich schon begonnen mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass Mr. Tom evtl. seinen letzten Sommer erlebt, aber er erlebte auch noch den Winter und nun hatten wir die Hoffnung, dass er, trotz seines fortschreitenden Nierenversagens und trotzdem, dass er mehr und mehr abmagerte, obwohl er immer noch recht gut und vor allem gerne besondere Leckerchen fraß, auch noch am 10. April seinen 19. Geburtstag erleben wird.
Dies alles ist nun in Frage gestellt.
Mr. Tom, der heute morgen, als wir zu unserer üblichen Sammeltour aufbrachen, in der Küche auf seiner Decke lag, begrüßte uns, als wir zurück kamen, im Flur, laut miauend, wie immer, mit einem hinter sich her schleifenden Hinterbein.
Ich nahm ihn mit einem Riesenschrecken hoch und begann, sein Bein abzutasten und vorsichtig in den Gelenken zu bewegen, denn ich dachte, er sei evtl. auf den Schrank gesprungen und hinunter gefallen und hätte sich was gebrochen oder ausgekugelt.
Aber er ließ meine Untersuchung stumm und ohne Anzeichen von Schmerz oder Unbehagen über sich ergehen, kuschelte sich sogar ganz untypisch mit dem Kopf in meine Ellenbeuge und schnurrte ganz leise vor sich hin. Seine Pupillen waren unterschiedlich groß und die Extremitäten ziemlich kühl.Also packte ich ihn erst mal zwischen zwei Schafsfelle und legte ihn im Wohnzimmer an die Heizung, um eine homöopathische Behandlung zusammenzustellen.
Eigentlich aus "heiterem Himmel" kam heute am Spätnachmittag unser Sohn Björn aus Olpe zu Besuch, weil er in der Nähe ein Klassentreffen hat und einfach mal "Hallo" sagen wollte.
Wer weiß, wer ihn hergeführt hat, - er hatte so auf jeden Fall heute noch die Gelegenheit, sich von Mr. Tom zu verabschieden und wir verbrachten einige Zeit am "Krankenlager" und ließen viele schöne Erinnerungen nochmal aufleben.
Unsere Tierärztin hat ihn sich während dieser Zeit auch angeschaut und quasi den Schlaganfall bestätigt, wir haben uns darauf geeinigt, dass wir die Nacht abwarten und morgen telefonieren. Bei Bedarf kommt sie noch mal her, um ihn sich anzuschauen und ggf. weitere Maßnahmen zu ergreifen. Homöopathisch weiß sie ihn bei mir in guten Händen. Und ich....ich werde nun wieder zu ihm gehen und ihm meine Nähe anbieten. Ich denke, er will sich in der Nacht davonstehlen und will ihm den Weg über den Regenbogen so leicht wie möglich machen.
Denkt an uns, wenn ihr noch wach seid.
Im Anhang findet ihr einige Bilder aus seinem Leben, die drei letzten zeigen ihn schon deutlich von seinem beginnenden Nierenversagen gezeichnet, aber immer noch guter Dinge, vor einigen Monaten als ich noch dachte, er wird bald Gismo und Odin folgen.
Kein Vergleich zu dem Bild des Jammers von heute, das ich euch ersparen möchte.
|