Über mein Twitter erreichte mich heute die Frage " Ein Dilemma: Schmerzen oder töten? Würdet ihr eurem Haustier eine Chemotherapie zumuten??? " die Frage resultiere aus einem Artikel, den ich im folgendem kommentieren möchte.
Vorweg jedoch ein paar allgemeinere Worte:
Der Begriff Chemotherapie ist wohl einer der schrecklichsten in der modernen Medizin nach der eigentlichen Diagnose. Hören wir ihn, so schießen uns die Schreckensbilder durch den Kopf: Abmagerung, Übelkeit, Erbrechen, Ausfallen der Haare uswusw. Auf der anderen Seite jedoch berichten die Medien zur Zeit über Sylvie van der Vaart. In einem Fernsehinterview sagte sie selber, dass sie ihre Chemotherapie relativ gut überstanden habe. Dies zeigt uns auf, wie unterschiedlich das sein kann und wie sehr man sich vor Verallgemeinerungen hüten muß. Wer das tut und dabei den Patienten, seine individuelle Erkrankung, deren Prognose und all die weiteren Aspekte aus dem Auge verliert, hat schon den größten Fehler begangen.
Hier daher auf gleich die Botschaft meines Artikels: Es kann keine Diskussion über eine Chemotherapie geben! Entscheidend ist immer der konkrete Einzelfall. ( humanmedizische Sicht )
Nun der Artikel, ich erlaube mir, ihn gleich an den relevanten Stellen zu zitieren. Die Quellenangabe des Originals befindet sich unten.
Zitat:
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Chemotherapie für krebskranke Haustiere
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Zitat:
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Auch Tiere können an Krebs sterben. Dabei durchleben sie ähnlich quälende Schmerzen wie krebskranke Menschen. Da bislang keine Chancen auf Heilung bestanden haben, waren Tierärzte gezwungen, die Tiere durch Einschläferung von ihren Leiden zu befreien. Doch das scheint nun Vergangenheit zu sein.
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Schon diese Einleitung beinhaltet Unstimmigkeiten. Ist denn wirklich jeder Krebs mit quälenden Schmerzen verbunden? Und bietet die Chemotherapie eine Alternative zum Einschläfern eines todkranken Tieres? Im Text wird sie als ein neues Instrument dargestellt - ist sie wirklich neu beim Tier?
Da es nun einmal mein Fachgebiet ist, möchte ich einige Beispiele aus der Humanmedizin anführen, um die Probleme zu verdeutlichen.
Zitierte "quälende Schmerzen" können Ausdruck des Endstadiums einer Krebserkrankung sein. Oft kann hier beim Menschen eine Therapie ( ob nun medikamentös, eine Radiatio , eine chirurgische ) nur noch palliativ sein. Man versucht bestmögliche Lebensqualität "herauszuholen". Wenn ich meine persönliche Meinung hier äußern darf: Eine palliative Chemotherapie lehne ich ab, sofern dies wirklich prognostisch sinnlos ist. Problem ist aber:
Was tue ich, wenn ich mit wenigen Nebenwirkungen noch ca. 1 Jahr Leben ohne jede qualitative Einschränkung rausholen kann? ( siehe unten )
Abzugrenzen von der Palliativmedizin sind z.B. kurative ( heilende ) Chemotherapien. So sind in der Humanmedizin bestimmte Krebsarten bekannt, die überaus sensibel reagieren und sogar heilbar sind!
Neben der speziellen Krebsart ist aber auch das Stadium der Erkrankung von zentraler Bedeutung. Auch dies begründet oft die Grenze zwischen palliativ und kurativ, aber auch zwischen Leid und Wohlbefinden. So kann z.B. ein Bauchspeicheldrüsenkrebs sehr schnell Symptome und Krankheit verursachen, wenn er am Pankreaskopf beginnt. Nimmt er seinen Ausgang am sogenannten Schwanz, bleibt er lange unerkannt. In der Summe jedoch überleben die Patienten mit einem schnell erkannten und behandelten Bauchspeicheldrüsenkrebs häufiger ihre Erkrankung. Hier sind die Symptome also kein Ausdruck einer Endstadiumerkrankung, sondern helfen schnell den Krebs zu bekämpfen.
Nur nebemnei erwähnt sei, dass die Möglichkeit einer Chemotherapie in der Veterinärmedizin keinesfalls neu ist. Wenn ich an dieser Stelle böse sein darf und Chemotherapie im medizinischen Sinne auslege - das heißt nämlich im Prinzip nicht viel anderes als eine Therapie mit "Chemiekalien", so finde ich folgendes:
Studie:
Experimental chemotherapy of filariasis; effect of piperazine derivatives against naturally acquired filarial infections in cotton rats and dogs.
HEWITT RI, WHITE E, et al.
J Lab Clin Med.
1947 Nov;32(11):1304-13. No abstract available.
PMID: 18917890 [PubMed - indexed for MEDLINE]
Es sei mir verziehen, dass ich diese Recherche " quick 'n dirty " mache und jetzt nicht die erste Chemotherapie im engeren Sinne heraussuche. Interessierte mögen dies bitte selbst tun.
Zitat:
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Nachdem bereits eine Tierarztpraxis in der Schweiz sowie eine Tierklink in der Nähe von Frankfurt am Main eine Chemotherapie für krebskranke Haustiere anbieten, versuchen nun auch Veterinäre in Dänemark krebskranke Tiere zu retten.
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Auch das ist inhaltlich nicht korrekt. Was ist z.B. mit der Uni Hannover oder einigen anderen niedergelassenen Tierkliniken ? So geht das z.B. auch in Hamburg und das mindestens seit letzem Jahr ( müßte für das genaue Datum dort anrufen, daher wähle ich dieses)
Zitat:
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Die Tiere müssen sowieso sterben, eine Chemotherapie zögert den Tod nur hinaus. Den Preis dafür bezahlen die Tierhalter mit viel Geld und die Tiere mit großen Schmerzen.
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Polemisch geantwortet: Nach der Geburt ist alles ein rauszögern des Todes. Etwas sachlicher müßte hier die individuelle Prognose erörtert werden. Außerdem wäre zu klären, ob das Tier nun wirklich unter Schmerzen leiden würde, oder ob die Therapie sogar verträglich ist.
Die finanzielle Belastung ist sicherlich außerordentlich hoch, hier wird es leider kaum einen Zweifel daran geben können. Aber das ist bedauerlicherweise meines Erachtens oft so: Das Tier, dessen Halter zahlt, hat bessere Überlebenschancen, als eines, für das niemand zahlt. - Ein Extremfall:
Bei einer speziellen Bakterieninfektion ist eine Diagnosemöglichkeit, dass einem Meerschweinchen das zu testende Blut gespritzt wird und es anschließend getötet wird, um die Milz mikroskopisch zu begutachten.
Zynisch, oder nicht?!?
Quelle des Originalartikels: Vivatier.de
Nach all der Theorie noch ein konkretes Beispiel:
Schon im September letzten Jahres habe ich mich mit der Möglichkeit einer Chemotherapie für meinen geliebten alten Kater auseinander gesetzt.
Uninformiert grauste mir ebenfalls vor der Vorstellung. Doch als ich mich näher informierte, war ich erstaunt: Diese spezielle Chemotherapie wird im allgemeinem von dem Tier deutlich besser vertragen als vergleichbares vom Menschen. Die Nebenwirkungen waren beeindruckend niedrig. Ich muss zugeben, dass das auch für mich als Humanmediziner überraschend war. Laut Studienlage hätte diese spezielle , gut verträgliche Therapie ein Überleben von ca. einem Jahr dargestellt. Wohlgemerkt bei einer Lebensqualität, die mit dem "gesunden Leben" vergleichbar ist.
Die vermutete Krankheit war es aber am Ende nicht, sodass ich damals keine Entscheidung treffen mußte.
Ich möchte die wesentlichen Fragen bei der ganzen Debatte einmal kurz notieren:
Art und Stadium der Erkrankung , Prognose, erwartete Lebensqualität vor/während/ nach der Therapie, Ausprägung der Nebenwirkungen sind einige Aspekte, die eine gewissenhafte Beantwortung der Frage nach einer Chemotherapie mit "Ja" oder "Nein" nur im konkreten Einzelfall zulassen.
Die Frage nach dem finanziellen Aspekt ist eine mehr philosophische, was aber nicht mein Fachgebiet ist.